Mein Tag auf der Leipziger Buchmesse 2015:

Mein Tag auf der Leipziger Buchmesse 2015:

Leipziger Buchmesse 2015

fingerdrauf-Streifzug über die Leipziger Buchmesse – ein Bericht:

Die Leipziger Buchmesse ist DIE Publikumsmesse rund ums Buch. Vier Tage lang treffen hier im Frühjahr Autoren und Leser an Verlagsständen und Lesebühnen aufeinander. „Für das Wort und für die Freiheit“  lautet das Motto 2015. Da bin ich aber mal gespannt.

Für einen gelernten Buchhändler und Magister der Literaturwissenschaftler sollte die Leipziger Buchmesse eine Art Heimspiel sein. Doch auch für mich gibt es hier einige erstaunliche und neue Dinge zu entdecken:

Gleich am ersten Messetag (Donnerstag den 12. März) fahre ich mit einer charmanten Begleitung (die dankenswerter Weise die Rolle der Fotografin übernimmt) mit dem ICE von Berlin nach Leipzig. Schon auf dem Berliner HBF tief begegnen uns die ersten Prominenten: Peer Steinbrück steht neben uns auf dem Bahnsteig, da kommt Sascha Lobo auf der Rolltreppe runtergeschwebt und wechselt ein paar freundliche Worte mit Peer – bis dieser sagt: „Na dann mal bis später auf der Messe!“

Wenn man nicht wie Peer am Hauptbahnhof Leipzig von einem Fahrservice in Empfang genommen wird, fährt man mit der Straßenbahn in ca. 20 Minuten zum Messegelände raus. Und steht ca. 1 1/2 Stunden nach Abfahrt in Berlin vor der imposanten Leipziger  Messe-Glashalle. Und nur einige Minuten und 16,50 € später sind wir in der halligen Halle  drin (siehe oben).

Zur Orientierung wird uns dieser Messe-Plan an die Hand gereicht:

Messeplan

Gleich zu Beginn der Glashalle nimmt einen das Blaue Sofa vom ZDF in Empfang. Auf dem Sofa sitzt der israelische Autor Meir Shalev und wird zu seinem neuen Buch „Zwei Bärinnen“ aus dem Diogenes Verlag interviewt.

Israel ist ja auch diesjähriges Schwerpunktland in Leipzig, anlässlich des Jubiläums „50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen“.

Blaue_Sofa2

Beim Aufeinandertreffen von Autor und Leser herrscht große mediale Aufregung:

Blaue_Sofa

Ein paar Schritte weiter in die Glashalle hinen ragen gigantische  Bücherregale wie Türme in den Leipziger Hallen-Himmel:

Buchmesse3

Aber auch hier auf der Leipziger Buchmesse verschließt man sich nicht dem allseits beschworenen und teilseits befürchteten Medienwandel mitsamt seinen neuen digitalen Medien:

iPad

Zumindest in dieser „Installation“ im Eingangsbereich  führen Buch und iPad eine friedliche Koexistenz:

Buchmesse Leipzig Preisverleihung in Messehalle

Aber in der Haupthalle sind auch noch ganz andere Formen der Literaturvermittlung (wie diese Erzähler-Käfighaltung) zu entdecken:

Textbox

Weil es in der Glashalle für einen Leser unvorstellbar laut ist, retten wir uns in eine der 5 Neben-Hallen. Nach einander durchsieben wir die weiten Flächen mit ihren ausufernden Gängen und kommen an allen namhaften Belletristik- und Sachbuch-Verlagen vorbei, zusammen mit tausenden anderen Besuchern, von denen erstaunlicherweise fast die Hälfte Teenager sind.

Neben den deutschen Großverlagen sind hier in Leipzig auch hunderte kleine Verlage mit einem Messestand vertreten (wie etwa der Psychosozial-Verlag in Halle 3):

Verlagsstand

Überall sitzen in kleinen Lesebuchten Menschen und tauschen sich über Bücher aus oder tauchen in Bücher hinein oder gönnen sich einfach mal eine kleine Erholungspause. Moment, sitzt dort drüben nicht der französische Star-Autor Michel Houellebecq?

Houellebeq1

Nein, eher doch nicht, ich glaube wir laufen lieber mal schnell weiter…

Houellebeq2

Ebenfalls in Halle 3 entdecke ich auf der ARD Bühne „Hörbuch-Forum“ den jungen und jung-gebliebenen Literatur-Professor Stephan Porombka (Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UDK Berlin) in einer Podiumsdiskussion in  ein angeregtes Gespräch über den digitalen Wandel und dessen Bedeutung für die Literatur vertieft.

Porombka

Stephan Porombka ist von mir aus gesehen der zweite von links auf der ARD-Bühne (die weiteren Personen der Podiumsdiskussion sind Elke Heinemann, Thomas Hettche und Nikola Richter, Moderatorin ganz links ist  Manuela Reichart.)

Porombka1

Bei ihm habe ich damals an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Seminar besucht und eine Hausarbeit über Marketingstrategien zur Ware Buch am Beispiel des  Aufbau-Verlags verfasst. Als Porombka einen Blick ins Publikum wirft und mich (wieder-)erkennt, nickt er mir freundlich zu.  Ich grüße lächelnd zurück und gebe meiner Begleitung ein Zeichen, dass ich ein Weilchen der Debatte lauschen möchte.

Porombka4

Es geht um das Internet und die Sorge, ob dieses für den Buchmarkt und insbesondere auch für das Leseverhalten gerade junger Leser schädlich ist. Einige Mienen sind recht besorgt und der Schriftsteller Thomas Hettche macht sich Sorgen, dass eine über 300 Jahre alte Lesetechnik (das richtige Lesen eines echten Buches) für immer verloren gehen könnte.  Einige ältere Menschen im Publikum klatschen darauf hin. Zu Meiner Beruhigung ergreift nun Professor Porombka das Wort und spricht von seiner Neugier über ohnehin unaufhaltbare neue Formen junger Menschen, und dass ihm höchsten die Sorge über den Verlust Sorgen bereite:

Hier sein Statement in mündlicher Überlieferung:

 

Oder hier das Statement von Porombka in schriftlicher Form:

„Wir haben es jetzt mit einem Medienwechsel zu tun, der andere Kompetenzen fördert und der andere Möglichkeiten des Schreibens und des Lesens fördert. Jetzt kann man immer solche Verlustrechnungen aufmachen und sagen Ah,  es sollte alles so bleiben wie es ist und es war so gut mit dem Buch und es sollte immer so bleiben. Aber für mich als Beobachter von Gegenwartskultur sind solche Gewinn- und Verlustrechnungen nicht so interessant. Ich sehe nur das es passiert und das solche Verschiebungen stattfinden und das wir sie nicht melancholisch aufhalten können und sagen Die alte Form des Lesens ist die eigentliche Form des Lesens. Ich sehe das überhaupt nicht so. Ich denke eher, weil ich ja selbst älter werde, verbiete ich mir gerade zu, junge Menschen anzugucken und ihnen hinterher zu laufen und zu sage Was du machst ist nur noch eine Schwundstufe von dem was ich kann und deshalb musst du es so machen wie ich es gemacht habe und musst so lesen wie ich gelesen habe. Ich gucke mir viel lieber an, wie die jungen Leute oder die Studierenden lesen und was die machen, um davon etwas zu lernen. Ich glaube wir sind einfach medienhistorisch in der Situation, wo wir das umdrehen müssen, ohne jetzt alles was Digital Natives machen zu hypen und zu sagen Es ist alles toll was die machen. Aber ich habe eine Neugier für das, was entsteht und fühle mich immer total belastet, wenn ich in so Diskussionen drin bin, die mir sagen, es geht alles kaputt und es gibt nichts mehr und es muss alles so bleiben. Da fühle ich mich unwohl.“

Das gesamte Gespräch über Literaturen von morgen gibt es hier in diesem Podcast zu hören:

http://www1.wdr.de/radio/podcasts/wdr3/forum196.html

 

poromka_drei porombka_eins

Zu Hause werde ich recherchieren, das Porombka generell den Standpunkt vertritt, dass die Buchbranche flexibler werden müsse, um im digitalen Wandel nicht den Anschluss zu verlieren.  Hier ein weiterer Link zu einem Interview im Magazin „Buchreport“:

http://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2012/09/18/das-lesen-und-schreiben-wird-neu-formatiert.htm

Meine Begleitung verliert jetzt aber etwas die Geduld und möchte nicht weiter der Podiumsdiskussion folgen, und so machen wir uns nach einem Blick auf die Uhr langsam wieder zurück in die Glashalle.

Als wir diese gegen 16 Uhr erneut betreten, bricht dort Unruhe aus. Der Grund: In Kürze wird hier der diesjährigen Buchpreises der Leipziger Buchmesse verliehen:

Buchmesse5

Die Bestuhlung für geladenen Gäste füllt sich, vorne links hat bereits Denis Scheck, Macher und Moderator der Literatursendung „druckfrisch“ (ARD), seinen Platz eingenommen (blauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte):

Denis_Scheck

Dann geht es los. Bevor die insgesamt drei Preise in den Kategorien „Sachbuch“, „Belletristik“ und „Übersetzung“ verliehen werden, hält der Jurypräsident Hubert Winkels in der halligen Halle noch eine Grundsatzdebatte über die Sorge vor Gefahren,  die nicht nur in der realen Welt, sondern auch im Gespräch auf den Menschen lauern:

Andächtig lauschen die geladenen Gäste den geschliffenen (und im Gegensatz zum Messe-Bodenbelag alles anderen als holprigen und zum Stolpern einladenden ) Worten des Redners:

Denis2

Dann werden für die Kategorie  „Belletristik“ die fünf nominierten Kandidaten für den mit 60 Tsd. Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse 2015 vorgestellt:

And the winner is:

Jan Wagner mit dem Gedichtband „Regentonnenvariationen“. Zum ersten mal gewinnt ein Lyriker den Preis. „Muss ich mir merken, den Mann“, denke ich.

Preisträger_Belle1

Auch Denis Scheck scheint überrascht zu sein und schaut neugierig über die Schulter zum diesjährigen Preisträger, der sich mit dem abgeräumten gelben Blumenstrauß angeregt mit seiner Freundin unterhält:

Preisträger_Belle_mit_Denis

Den Übersetzerpreis gewinnt übrigens die große Übersetzerin Mirjam Pressler für  ihre Übersetzung aus dem Hebräischen von Amos Oz‘ neuem Roman „Judas“:

Übersetzer_Preis

Während wir von oben aus der Vogelperspektive auf die Preisverleihung runterschauen, entdecke ich schon wieder Sascha Lobo neben uns (dem wir seit der ICE-Zugfahrt immer wieder in den Messehallen begegnen):

Lobo2

Während sich die Preisverleihung ihrem ende nähert, taucht plötzlich eine irritierende  Nachricht auf meinem Smartphone auf:

Terra Pratchett ist tot
Terry Pratchett is dead!

Ich kann diese Nachricht jetzt irgendwie nicht so recht einordnen und beschließe sie von mir zu schieben, und vergesse sie im Messetrubel auch gleich wieder.

Uns bleibt jetzt noch eine Stunde Zeit, bis wir wieder zurück zum Bahnhof zu unserem ICE nach Berlin aufbrechen müssen.

Da fällt mir ein: auf dem Messeplan habe ich ganz hinten in Halle 5 versteckt einen großen Amazon-Stand entdeckt, und möchte da jetzt noch schnell hin. Mit Amazon verbinde ich das Versprechen, das jeder selbst ganz einfach Autor werden kann und kostenlos Bücher veröffentlichen und ich möchte jetzt (nach all diesen Verheißungen nach Aufmerksamkeit und Ruhm) auch  Autor werden. Amazon hat auf einer Buchmesse keinen einfachen Stand und sie werden ein bisschen wie Aussätzige behandelt und auch meine Begleitung möchte im Grunde genommen da nicht hin und schon gar nicht dort gesehen werden. Aber ich kann sie überreden und schaffe es Widerstände abzubauen und so ziehen wir noch einmal los ans hinterste Ende der Bücherwelt in Halle 5.

Und dann stehen wir vor einem gigantisch großen Messestand – Welcome to the world of Amazon:

Amazon1

Sofort kommt ein junger sympathischer Berater auf mich zu und informiert mich ausführlich über die Vorzüge des neuen Kindle eReader. Er kostet knapp 200 Euro und ich verliebe mich ein bisschen in ihn.

Amazon2

Dann frage ich noch schnell, was es denn mit dem Amazon Publishing auf sich hat, und erfahre dass jeder jederzeit kostenlos Texte bei Amazon veröffentlichen und also verkaufen kann und bis zu 70% des Gewinns erhält. Den Preis für ein Buch legt man ganz einfach selbst fest, so wie auch die Covergestaltung. Würde ein Buch nicht als eBook gekauft sondern in der Printversion, würden für den Autor pro gedruckter Seite lediglich 1 Cent anfallen, der mit dem Gewinn verrechnet wird. Und man geht keine vertragliche Bindung ein und kann einen Text jederzeit wieder fristlos bei Amazon löschen. Das klingt alles ein bisschen zu schön um wahr zu sein. Aber es ist wohl wahr…

Erschöpft lasse ich mich nach einem langen Beratungsgespräch sowie einem langen Messetag auf einen Amazon Hocker sinken. Doch schon drängt meine Begleitung nach besorgtem Blick auf ihre analoge Armbanduhr zum Aufbruch.

Amazon3

Und so treten wir nach einem in analoger wie auch digitaler Hinsicht ereignisreichen Messetag auf der Leipziger Buchmesse erschöpft aber glücklich wieder die Berliner Heimreise an…

Abschied_Messe

Bye-Bye Leipziger Buchmesse 2015 !!!

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