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KulturGUT – fingerdrauf Buchkritiken:

 

Buchkritik

„PANIKHERZ“ von Benjamin von Stuckrad-Barre

 

Panikherz
Panikherz

Als ich mich 1998 in Köln mitten in der Ausbildung zum Buchhändler befand, schickte der legendäre Verlag Kiepenheuer & Witsch unserer Buchhandlung eines Tages ein seltsames Leseexemplar zu, für das sich keiner meiner Kollegen weiter zu interessieren schien. Ich war der einzige, der das KiWi-Taschenbuch in die Hand nahm, das den seltsam klingenden Titel „Soloalbum“ trug und von einem noch seltsamer klingenden Autor Benjamin von Stuckrad-Barre verfasst worden war. Auf dem Buchrücken stand eine Leseempfehlung von Harald Schmidt: „Jugend der Welt – kauf dieses Buch und lies es!“. Wie konnte es sein, dass der von mir für seine Late-Night-Show verehrte Entertainer Harald Schmidt einem unbekannten Autor ein derartiges – wenngleich nicht ganz Ironie-freies – Lob aussprach?
Im Jahre 2016 gibt nun der längst allseits bekannte Autor und Journalist Benjamin von Stuckrad-„Knarre“ (wie Udo Lindenberg ihn einmal nannte) in seinem autobiographischen Text „PANIKHERZ“ auf Fragen wie diese ausführlich Antwort. Und eines wird dabei ziemlich schnell klar: Während ich eine ganz normale Ausbildung absolvierte und anschließend in Berlin in aller Ruhe Literaturwissenschaft studierte und nun wieder der friedlichen Tätigkeit des Buchhändlers nachgehe, hat sich Benjamin von Stuckrad-Barre aus Panik vor der Banalität eines ganz normal geführten Lebens für einen Lebensentwurf als Popstar und damit für ein riskantesLeben auf der Überholspur entschieden. Auf über 500 Seiten beschreibt er seinen Trip als Pop-Autor und Provokateur durch die kulturelle Landschaft der BRD und stellt seiner Autobiographie ein passendes Zitat von Jörg Fauser voran:
„Die längsten Reisen fangen an, wenn es auf den Straßen dunkel wird“.
Der einstige Sohn aus protestantischem Pastorenhaus nimmt uns mit auf eine spektakuläre Reise durch die deutsche Popkultur der letzten 20 Jahre und gewährt viele intime Einblicke in den Backstage-Bereich deutscher Prominenz: Freunde und Weggefährten wie Friedrich Küppersbusch und Harald Schmidt, Bret Easton Ellis, Sven Regener und Till Brönner tauchen auf, und immer wieder der lebensrettende Freund und Häuptling der „Panikfamilie“, Udo Lindenberg.
Stuckrad-Barre berichtet dabei auch schonungslos über sich selbst und schildert nicht nur den kometenhaften Aufstieg in den Popstarhimmel, sondern auch die lebensbedrohlichen Nebenwirkungen seines glamourösen Erfolgs und immer wieder auch Momente persönlichen Scheiterns bis hin zur lebensbedrohlichen Drogensucht. Dies alles erzählt er mit dem für ihn typischen Tonfall eines Autors, der bei einem wie Harald Schmidt in die Schule gegangen ist und sich die Welt und die Gefühle mit Ironie auf Abstand hält. Und der aber zugleich auch zur Selbstironie fähig ist und im Angesicht des Todes sogar etwas Pathos und Liebe in seinen Lebensrückblick einfließen lässt.
So können wir als Leser gemeinsam mit dem Autor das kleine Wunder feiern, den unstillbaren Durst nach rauschhaftem Leben und berauschendem Ruhm überlebt zu haben und dürfen uns darüber und darauf freuen, dieses schonungslos ehrliche, unterhaltsame und „extrem welthaltige“ Buch (so die Autorin Eva Menasse im Literarischen Quartett) in den Händen zu halten.fingerdrauf  Buchempfehlung: Der Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq

Weitere Details zum Buch gibt es auf er Kiwi Verlagsseite:

http://www.kiwi-verlag.de/buch/panikherz/978-3-462-31575-2/

 


Buchkritik

Alexander von Schönburg: „SMALTALK. Die neue Kunst des stilvollen Mitreden“

SMALLTALK
SMALLTALK

Reden ist Silber, Smalltalk ist Gold. Unter diesem Motto führt uns Alexander von Schönburg in die Kunst des Smalltalks ein. Denn ganz zu Unrecht hat die Kommunikationsform des ‚kleinen Gesprächs’ in Deutschland noch immer einen eher schlechten Ruf. So ist dem adligen Autor und Journalisten Alexander von Schönburg nach „Die Kunst des stilvollen Verarmens“ und „Der fröhliche Nichtraucher“ auch mit diesem erhellenden Plädoyer daran gelegen, unseren Blick auf ein gesellschaftlich relevantes Thema zu hinterfragen und zu verändern.

Gleich zu Beginn nimmt uns von Schönburg die Angst vor unseren eigenen Wissenslücken, die sich bei einer festlichen Veranstaltung in einer plauderhaften Gesprächsrunde auftun könnten. Indem er auf die unüberschaubare Informationsflut im Zeitalter der digitalisierten Medien verweist. Und seinem Buch ein zeitlos gültiges Zitat von Shakespeare voranstellt: „The fool do think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool“.
Im Folgenden bereitet uns dann der in gesellschaftlichem Umgang erprobte Alexander von Schönburg auf unvorhersehbare Gesprächssituationen bei Empfängen, Cocktailpartys und anderen Feierlichkeiten vor. Und auf das häufige Auftauchen ganz bestimmter Themenfelder in Gesprächsrunden wie „Das Genderproblem“, „Essen“, „Fußball“, „Internet“, „Kapitalismus“, „Moderne Kunst“, „Fernsehserien“ etc., denen wir mit ein wenig Grundwissen (wird mitgeliefert) und der richtigen inneren Haltung völlig gelassen entgegensehen können.
Als Bonus bekommt der Leser abschließend noch „Zehn Goldene Regeln für jedes Fest“ mit auf den Weg zum nächsten Event sowie stichwortartige Listen zu „Themen, die auf gesellschaftlichem Parkett zu umschiffen sind“ und „Themen, die auf gesellschaftlichem Parkett immer gehen“.
Nach diesem ebenso scharfsinnigen wie heiteren Schnellkurs für das gelungene Gespräch wird der Leser befähigt sein, sich vollkommen unbekümmert und selbstbewusst noch in die auswegloseste Gesprächssituation hinein zu begeben.

Weitere Details und Leseprobe auf der Rowohlt Verlagsseite:

http://www.rowohlt.de/taschenbuch/alexander-von-schoenburg-smalltalk.html

 


Buchkritik

André Heller: „Das Buch vom Süden“

 

Das Buch vom Süden
Das Buch vom Süden

Passend zur Sommer- und Urlaubszeit hat sich der Wiener Multimediakünstler, Kunstgärtner und Poet André Heller nun auch als Romancier hervorgetan und „Das Buch vom Süden“ in die Welt gesetzt. In diesem Entwicklungsroman erzählt Heller von seinem Alter Ego Julian Passauer, einem „fleißigen Taugenichts“, der als Sohn eines Vize-Direktors des Naturhistorischen Museums in Wien aufwächst, viel Zeit im Palmenhaus im Schlosspark von Schönbrunn verbringt und als eigen-sinniger junger Mann die lebenslange Italien-Sehnsucht des Vaters fortlebt. Nach der Matura und einer ausgiebigen Afrikareise kommt er als professioneller Pokerspieler zu Geld und lässt sich mit dem erspielten Vermögen am Gardasee nieder. Wie einst André Heller versucht auch sein Protagonist Julian, in Italien der entfremdeten Heimat Österreich zu entfliehen, diesem „Reich des Bleiernen und Fröstelns“.
Das Lebensziel von Julian alias Heller lautet: Ein gelungener Mensch zu werden und weniger blöd zu sterben, als er geboren ist. So verfolgt er seinen mit eigenen Wegweisern ausgerichteten Lebensweg, versucht sich von den „Verdummungsfallen“ des Lebens fernzuhalten und begegnet unter anderem drei Frauen, die ihn in seiner „éducation sentimentale“ unterrichten, so Ulrich Weinzierl in der ZEIT.
Im Laufe seiner Lebensreise zieht es Julian (wie auch im wirklichen Leben André Heller) immer weiter nach Süden. „Nur im Süden ist Rettung!“, lautet das Motto dieser roman-tischen Reise in südliche Länder, auf der Suche nach dem südländischen Lebensgefühl. Und wir Leser reisen lesend oder mp3-hörend mit und nehmen durch Hellers nicht nur lebenskluge, sondern auch sehr sinnliche Erzählweise und Erzählerstimme den Süden auf mit allen Sinnen: Die besonderen Geräusche und Gerüche, die alles durchdringende Wärme, die südländischen Farben und das unverwechselbare Licht.
Es ist eine Reise der Sehnsucht, des Aufbruchs und der Veränderung und der tröstlichen Versöhnung mit uns selbst. Denn, so André Heller im „Druckfrisch“-Interview mit dem Literaturkritiker Denis Scheck über sich und sein Alter Ego im Roman: „Du kannst nicht immer in einem Feind [dem eigenen Körper] einschlafen und in einem Feind aufwachen, du musst dich verändern, so dass du dir selbst liebenswerter erscheinst und gerne mit dir zusammen bist.“ Mit Hellers Sätzen in seinem Buch vom Süden und seiner wienerisch-melodiösen Stimme im Hörbuch jedenfalls habe ich sehr gerne Zeit verbracht.

Weitere Details zum Buch und Leseprobe auf der Hanser Verlagsseite:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-buch-vom-sueden/978-3-552-05775-3/

 


Buchkritik

Michel Houellebecq: „Unterwerfung“

Unterwerfung

Über die Frage, ob sich die deutsche Bundeskanzlerin im Fall des provokanten Satirikers Jan Böhmermann dem Willen des türkischen Präsidenten aus politischen Gründen unterworfen und damit unsere westlichen Werte der Meinungsfreiheit verraten hat, wird in Deutschland gerade heftig debattiert. Diese Debatte hat mich unwillkürlich an meine kürzliche Lektüre des Romans „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq denken lassen.

Im neuen Roman des französischen Skandalautors wird der fiktive Fall einer bewussten Gefährdung der freiheitlichen Werte aus politisch-taktischen Gründen und deren unaufhaltsamen Folgen durchgespielt: Um in Frankreich den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern, gehen im Jahr 2020 die sozialistische Partei und das konservative Lager ein Bündnis mit dem sich als harmlos-charismatisch gebenden muslimischen Politikers Mohamed Ben Abbès ein. Dieser wird Staatspräsident und ändert darauf hin die laizistische Verfassung, um das Patriarchat und die Scharia und damit eine islamische Gesetzgebung in Frankreich einzuführen.
Die im folgenden Handlungsverlauf umgesetzten radikalen Änderungen der Gesellschaft und die damit einhergehenden gewaltsamen Ausschreitungen in Paris werden konträr zur Handlung in einem völlig unaufgeregten und zuweilen geradezu lakonischen Erzählstil aus der Sicht des vollkommen unpolitischen Literaturprofessors Francois geschildert. Dieser betreibt von früher Jugend an literarische Studien über den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, in dessen bekanntesten Werk „À rebours“ („Gegen den Strich“) ein junger dekadenter Aristokrat sich vor der sozialen Wirklichkeit in eine Welt des Ästhetizismus und Mystizismus zurückzieht. Und auch Francois sucht auf der Flucht vor den real-politischen Verhältnissen immer wieder Zuflucht und Trost in Huysmans Schriften. Und so wie Huysmans Zeit seines Lebens mit dem Gedanken spielte, im Glauben eine Heimat zu finden und Katholik zu werden, gipfelt der Roman „Unterwerfung“ in den Überlegungen von Francois, aus pragmatischen Gründen zum Islam zu konvertieren und sich damit ganz im Wortsinn des Islam (aslama bedeutet „sich ergeben, sich hingeben“) einem Gott zu unterwerfen.
Houellebecqs Roman beschreibt radikal zu Ende gedacht die möglichen Folgen einer politisch waghalsigen Entscheidung bis hin zur Aufhebung der demokratischen Verfassung und spielt zugleich auf provokante und durchaus auch satirische Weise mit unseren Ängsten vor einer Islamisierung Europas. Mit seinem neuesten Werk hat der französische Starautor für viel Aufregung gesorgt und kontroverse Meinungen hervorgerufen – ein Grund mehr, sich über das brisante, hochaktuelle und intelligent geschriebene Buch „Unterwerfung“ ein eigenes Urteil zu bilden.

Weitere Details und Leseprobe auf der Dumont Verlagsseite:

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/houellebecq-unterwerfung-9783832197957/